The world doesn’t revolve around us

 
Ich war sechzehn, als ich das erste Mal bewusst den Białowieża -Urwald (Polen) besucht hatte. Die früheren Ausflüge mit der Schulklasse waren entweder uninteressant oder aufgezwungen. Ich wurde vom Amateur-Theater „Klaps“ zu einem Rezitations-Wettbewerb angemeldet, an dem ich wahrscheinlich nur deshalb teilgenommen hatte, weil wir für zwei Tage von der Schule freigestellt wurden. Wir wohnten vier Tage in einem Hotel und hatten relativ viel Freiraum, den ich dafür nutzte, den letzten -mich umgebenden- europäischen Urwald kennen zu lernen. Diese Begegnung werde ich nie mehr vergessen. 
Es war am Vorabend des Wettbewerbs. Dominik, ein Veranstaltungstechniker, überzeugte mich, die Nacht des Urwaldes mitzuerleben und in den dunklen Schatten dem Licht des Mondes zu folgen. Wie es der Zufall wollte, war der erster Schatten, welchen ich bereits nach zehn Minuten im dichten Wald vernommen hatte, als ich mich an einem Baum lehnen wollte, ein schwarzes, schwer atmendes Etwas. Es stand an der Böschung, vierzig Zentimeter von mir entfernt und ich versuchte meine Augen so schnell, wie möglich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Dominik machte mir Angst, als er leise sagte: Beweg’ dich nicht! Ich konnte in dem Moment nicht mal fragen, warum ich mich nicht bewegen sollte, weil meine Augen den Schatten bereits definieren konnten. Es war ein frei lebender Wisent (ein europäischer Bison). Ich hätte eigentlich schreiend davon laufen müssen, aber mir wurde schnell klar, dass das Tier genauso wie ich verängstigt war und vielleicht dasselbe dachte: Was macht die denn hier? Es wagte sich nicht, mich anzuschauen und ich konnte es genau so wenig betrachten. Höchstens nach einer Minute, welche für mich eine Ewigkeit dauerte, bewegte es sich in den Wald hinein und ich atmete auf. Stimmt, ich hatte fast vergessen zu atmen. Dominik fing mich auf, als sich meine Muskeln entspannten und ich davon das Gleichgewicht verlor. Der Schock stand mir ins Gesicht geschrieben und wortlos liefen wir zurück zum Hotel. Am nächsten Morgen weckte mich meine Zimmerkollegin und als ich ihr „Guten Morgen“ sagen wollte, kam nichts. Meine Stimme war komplett weg! Ich konnte auf ihr Nachfragen: Was hast du gestern Nacht gemacht? Warum ist deine Stimme weg? etc. nicht mal antworten. Sie gab mir ein Notizbuch und einen Stift. Ich schrieb: Ich muss heute auftreten! Was mach‘ ich jetzt? Sie schrieb: Eine hochkonsentierte Salzlösung. Ich nickte nur und sie ging weg, um in der Küche des Hotels die Zutaten zu besorgen. 
Hat schon einer von Euch eine Salzlösung „durchgemacht“? Ich sag’ Euch, das war das erste und das letzte Mal!
Nach etwa einer Stunde war meine Stimme zwar wieder da, aber ich klang, wie eine entweder schwer besoffene oder drogenabhängige alte Frau. Der Clou an der Sache war, dass ich ein Liebesgedicht rezitieren sollte. Mit der Stimme war das natürlich höchst anrüchig. Nach dem Motto: „The show must go on!“, trat ich trotzdem auf. Ich hörte kein Gelächter, konnte dennoch in den Gesichtern des Publikums Besorgnis, Überraschung und Belustigung erkennen. Das Gefühl des Versagens in mir entspannte mich, weil ich nicht mehr an den Gewinn denken musste. Nur noch zu Ende rezitieren und gehen, das war das, was ich dachte. 
Später ging ich alleine in dem Urwald spazieren und entschuldigte mich für gestrige Ruhestörung. Es war komisch so etwas zu tun, aber ich war sechzehn und hatte das Bedürfnis danach. 
Noch komischer fielen die Ergebnisse des Rezitation-Wettbewerbes am folgenden Tag aus. Ich hatte einen Sonderpreis für die originellste Rezitation bekommen. 
Schade, dass ich damals kein Smartphone oder keine Videokamera hatte. Ich hätte es heute gerne angeschaut. Zum Einen wegen meines Auftritts und aber vor allem zum Anderen wegen des wunderschönen Waldes von damals: unberührt und lebendig. 
Vor drei Jahren hatte ich erneut die Möglichkeit, darin einzutauchen. Es war nicht mehr derselbe Wald. Ich bin gewachsen, er ist geschrumpft. Es gibt so viele Orte, Pflanzen- und Tierarten, welche man für immer erhalten möchte. Das, was ein Komet kann – nämlich Vernichten-, kann der Mensch genau so gut. Dumm wie er ist.
Wir müssen wieder ein wenig mehr im Einklang mir der Natur leben. Und jene, die uns den Weg zeigen, vorleben und/oder dafür kämpfen, weniger belächeln!
♑︎
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